Etwas nervös betrachtet Manfred das Türschild. Denn in so einer Praxis war er noch nie. Das Wort Coaching steht auf dem Schild, und auch etwas von psychologischer Beratung. „Früher hieß sowas Irrenarzt, der sich in den Anstalten um die Verrückten kümmerte, toll, jetzt gehöre ich auch dazu“ denkt Manfred. Nun steht er da, mit ein paar Zetteln voller Notizen die er sich in den letzten Wochen gemacht hat, was welcher Arzt gesagt hat, wie es ihm wann ging und noch einiges mehr.
Als er eben das Treppenhaus hoch ging, kam ein Mann aus der Praxis, sehr schicker Anzug, teure Kravatte, Aktenkoffer, insgesamt gepflegt und irgendwie richtig dynamisch, so wie Manfred bis vor Kurzem auch war. Offenbar gut gelaunt hatte der Mann dem Coach die Hand geschüttelt und sich mit einem "Tschüss, bis nächste Woche" verabschiedet. Das hatte Manfred etwas beruhigt, scheinbar laufen hier doch keine Verrückten herum. Beherzt drückt Manfred auf den Klingelknopf.
Die Tür geht auf, der Coach begrüßt Manfred und bittet ihn herein. "Seltsames Sprechzimmer", geht es Manfred durch den Kopf, gar nicht wie in diesen seichten amerikanischen Filmkomödien, ohne diese klischeehafte Ledercouch, stattdessen moderne Möbel, irgendwie einladend und gemütlich. Und der Coach sieht auch nicht aus wie die selber leicht irre und verhuscht wirkenden Filmpsychiater, sondern ganz normal und sogar recht sympathisch, freundlich und lässig, vielleicht etwas rundlich... Manfred muss unwillkürlich an einen Bären denken und fängt an zu schmunzeln.
Der Coach grinst, kann er Gedanken lesen? Dies sei ein Vorgespräch, erklärt er, so eine Art Testlauf, ob Manfred mit ihm arbeiten könne und wolle und leider gebe es etwas Papierkram am Anfang. Aber das ist Gott sei Dank schnell erledigt und Manfred entspannt sich. Wenn er schon einmal da ist will er es auch durchziehen. Er nimmt seine Zettel und beginnt zu erzählen…
"Nichts geht mehr!" sagt er. Seit einem halben Jahr hat er immer diese Schmerzen unten in der Wirbelsäule, er war sogar schon dreimal eine Woche lang krankgeschrieben, und das in seiner Position…. Wenn er läuft, geht es ja, aber sobald er steht oder sitzt tut es weh. Manchmal ist es so, als ob ihm plötzlich ein Messer zwischen die Wirbel gerammt wird, dann muss er sofort eine Weile herumlaufen bis es besser wird. Und immerzu diese starken Schmerzmittel, Manfred kann die Schachtel schon gar nicht mehr sehen.
Bei vielen Ärzten war er, zuerst beim Hausarzt, der ihm Schmerztabletten verschrieben hat. Als die nicht mehr so richtig halfen, war der Orthopäde dran, der Manfred dann gleich zum Radiologen schickte. Die Auswertung der teuren Computertomographie ergab aber auch nichts weiter als eine "leichte Verände- rung im Lumbalbereich", ganz normal sei so etwas in seinem Alter, hatte der Radiologe gesagt. Wochenlange Physiotherapie und Massagen folgten, ohne wirklich dauerhaft zu helfen.
Manfred ist gerade einmal 45, bis vor 6 Monaten noch fit wie ein Turnschuh, nur ab und zu eine kleine Erkältung. Na gut, vor 6 Jahren mal paar Wochen lang immer wieder dieser heftige Druck auf der Brust… da war damals viel Stress mit seiner Ehe gewesen, das hatte er sich wohl sehr zu Herzen genommen. Ansonsten fehlte ihm nie was, das wäre auch gar nicht gegangen, denn Manfred ist leitender Angestellter in einem großen Konzern, ein viel beschäftigter und wichtiger Mann! Die aktuellen Krankschreibungen wegen der Rückenschmerzen hätten seiner Personalakte sicher nicht gut getan, sagt er.
Seit ein paar Wochen ist er aber bei der Arbeit auch nicht mehr bei der Sache, es macht ihm einfach keine Freude mehr. Abgesehen davon dass er ja auch kaum sitzen kann, ist er irgendwie anfälliger für Erkältungen. Jeder Luftzug macht ihn seit Neuestem krank; in den letzten 3 Monaten folgte ein Schupfen dem nächsten und Manfred verzweifelte zusehends. Nicht nur an seiner Gesundheit, auch an seiner beruflichen Kompetenz und an sich selbst. Auch mit seiner Frau klappt es nicht mehr so richtig, eigentlich ist Manfred das aber irgendwie schon fast egal, es passt ja zu so einem Versager...
Irgendwann beim Hausarzt, bei der Erneuerung seiner diversen Rezepte, hat er dann einfach angefangen zu reden. Der Arzt hatte zwar erst wenig Zeit für den schlecht therapierbaren Dauerpatienten, dann hat er aber doch zugehört. Die depressive Stimmung und die beinahe ängstliche Verzweiflung seines Patienten gab den Ausschlag: "Gehen Sie doch mal zu einem Psychiater oder psychologischen Berater" war sein Ratschlag. Und deshalb sitze er nun hier, sagt Manfred resigniert, "Ich brauche einfach Hilfe!".
Der Coach beginnt ein paar Fragen zu stellen, scheinbar allgemeine Themen aber Manfred merkt, wie etwas in seinem Kopf anfängt zu arbeiten. Offenbar sind die Themen doch nicht so allgemein. Ja, es gab natürlich irgend wann einmal die eine oder andere Sache in der Firma, merkt er an, irgendwie sei es ungerecht gewesen… und er beginnt zu erzählen.
In seinem Konzern war vor einem Jahr intern eine hohe Position ausgeschrie- ben worden, eine Aufgabe für die er seiner Meinung nach wie geschaffen war. Leider gab es einen Konkurrenten, ausgerechnet Sebastian, ein guter Freund und ranggleicher Kollege aus einem anderen Unternehmensbereich hatte sich ebenfalls auf die Stelle beworben. Fast sechs Monate hatten sie sich hinter den Kulissen einen regelrechten Kampf geliefert und je härter die Bandagen wurden, mit denen gekämpft wurde, umso mehr war ihre Freundschaft zerbrochen. Zum Schluss hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen.